09.09.2021
Erwin Rohleder

Die Entgültigkeit nehmen

Schon länger war Erwin Rohleder, leidenschaftlicher Handwerker im Ruhestand, nicht zufrieden mit dem Altar in der Stadtkirche Bad Liebenwerda und der Darstellung eines leidenden Jesus am Kreuz. Wie könnte man die Lebensgeschichte des Jesus Christus, wie sie in den bunten Fenstern der Kirche zu sehen ist, so darstellen, dass die gefühlte Entgültigkeit des Todes am Kreuz nicht als das letzte Bild stehen bleibt? Die Neukonzeption zur Umgestaltung des Altarraums in der Stadtkirche erforderte dann einen beweglichen Altar. Dieses Erfordernis war die Initialzündung. Sie befeuerte sein Bestreben, die schon lange keimenden Vorstellungen, hier etwas zu schaffen, das sich in das Erscheinungsbild des Altarraums harmonisch einfügt, etwas zu sagen hat und, vielleicht, Hoffnung anschaulicher macht. Der Gemeindekirchenrat Bad Liebenwerda gab ihm das Vertrauen für sein Projekt. Der alte Altar wurde abgetragen. Nach Entwürfen von Erwin Rohleder baute die Orgelbaufirma A. Voigt einen neuen Altar. Unter dem mächtigen Tisch formiert sich dunkles, spitzes Holz zum Symbol der Dornenkrone. – War es das nun? – bleibt als Frage im Raum. Nein, denn als die Gemeinde mitten in der Coronazeit den Altar zum ersten Mal in der Kirche bestaunen konnte, da arbeitete Erwin Rohleder schon weiter. In vielen Stunden und vielen Arbeitsphasen, unterbrochen von Pausen, wo er nicht wusste, wie es mit der Gestaltung weitergehen könnte, Entwürfe ändernd und nachdenkend. Doch immer wieder griff er zu Stechbeitel und Schleifpapier und setzte die Arbeit fort, bis unter seinen Händen eine circa 60 cm große Jesusfigur entstanden war, die den Betrachter offen anblickt. Der Kopf der Figur und ihre Hände sind aus Kirschholz. Es wirkt weich und ganz glatt. Eine Hand scheint auf dem Kopf eines Kindes zum Segnen zu liegen, die andere öffnet sich nach vorn in einer Geste, die jeden einlädt, der diese Figur ansieht. Jesus hat sich hier bei Erwin Rohleder von seinem Kreuz gelöst, die krummen Nägel stecken verbogen im Eichenholz. Die dunkle Eiche des Kreuzes und der Grundplatte ist gebürstet und das derbe, rissig-raue Holz stellt einen starken Kontrast dar zu der Weichheit der Jesusfigur, über die der Betrachter gern mit den Händen streichen würde. Der Korpus der Figur ist aus Pappelholz gearbeitet. Das hell-kolorierte Gewand und der Schal in Regenbogenfarben, die Gesten der Hände zusammen mit dem zugewandten Gesicht von Jesus vermitteln: Friede sei mit dir. Aber Erwin Rohleder möchte niemanden vorschreiben, wie sein Jesus zu sehen sei. Jeder solle sich frei seine eigenen Gedanken machen. Überhaupt sagt er: „Manchmal hatte ich das Gefühl, dass es nicht ich bin, der das alles macht. Also, dass mir da etwas zufließt.“

Nun steht der Jesus auf dem Altar. Auf die Frage, was als nächstes kommt, da lacht er und sagt, dass noch etliche dicke Holzklötze im Keller liegen würden, die er vor dem Verbrennen gerettet habe und die er sich irgendwann vornehmen werde. Zunächst aber sei erstmal das Wohnzimmer dran, dessen Balken auch etwas Aufmerksamkeit bräuchten.

Sie können sich den Altar mit der Jesusfigur gern ansehen! Die St. Nikolai-Kirche ist täglich von 9 bis 17 geöffnet. Jeden Dienstag findet 9 Uhr eine öffentliche zwanzigminütige Andacht im Altarraum statt.


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