04.08.2021
Luft nach oben

Da habe ich mir solche Mühe gegeben! Wirklich! Hab mich lange vorbereitet. Nach der Veranstaltung sagte dann ein Mann zu mir: „Vielen Dank! Aber seien sie mir nicht böse: Da ist noch Luft nach oben!“ Und wir sind gut ins Gespräch gekommen. Eigentlich mag ich diese Formulierung. Ich höre das so, als sei da eine ganz gute Grundlage, eine tragfähige Idee. Da schätzt jemand meine Arbeit und kann trotzdem sagen, was ihm nicht gefällt. „Da ist noch Luft nach oben!“ Das kann ich gut hören. Ich erlebe anderes und werde ärgerlich: Jeder noch so kleine Fehler, einer Nachlässigkeit, eine Ungeschicklichkeit einer Person in der Öffentlichkeit führt sofort zu einem „Shitstorm“. Kritik wird mit ein paar Klicks zur generellen Ablehnung und macht sich nicht die Mühe einer Differenzierung. Ziel ist oft, den Menschen dahinter klein zu machen. Zu polarisieren. Grundsätzlich abzulehnen. Ist das eine Folge davon, dass im Zeitalter von Smartphone und Social Media jeder und jede zu allem und jedem leicht und sofort einen Kommentar abgeben kann? Echtes Gespräch ist kaum mehr möglich. Dafür scheint keine Luft mehr zu sein. Ich weiß ja selbst, dass bei mir so manches noch ziemlich viel „Luft nach oben“ hat. Und ich weiß mit meinem Glauben, dass ein anderer das von mir weiß: Gott. Von dem glaube ich, dass er mich nicht auf meine Fehler oder mein Scheitern festlegt, sondern mein Wollen und meine Mühe sieht. Gott lässt mir meine Würde. So kann ich gnädiger mit mir umgehen. Und mit anderen.

Markus Herrbruck ist Pfarrer in Finsterwalde


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