25.05.2022
»Wir brauchen das Pfingstfest im Alltag«

Ein Beitrag von Christof Enders

Himmelfahrt (26. Mai) und Pfingsten (5. Juni) – Christof Enders

Nach christlichem Verständnis schickte Gott an Pfingsten den Heiligen Geist auf die Erde. Was genau ist der Heilige Geist, der ja ebenso ein Teil Jesu wie auch ein Teil Gottes ist?

Wir unterscheiden in der christlichen Trinität in Vater, Sohn und Heiliger Geist. Jeder Teil dieses Gottesbildes hat seinen eigenen Schwerpunkt. Wir haben Gott als Vater und Schöpfer, Jesus, der Mensch geworden ist und den Heiligen Geist, der die Spiritualität und die geistliche Bewegung bringt. Der Heilige Geist wird in der Bibel als Hauch, Wind und Feuer beschrieben. Er selbst beschreibt einen Vorgang: Jesus ist nicht mehr da. Was bleibt ist das Begeistert sein vom Glauben als Resonanz auf den Heiligen Geist. Es entstand eine Aufbruchsbewegung mit vielen Gemeindegründungen. Eine Bewegung, die versucht hat, die Unterschiede zwischen Menschen und Geschlechtern zu minimieren. Die urchristlichen Gemeinden waren sehr freiheitlich denkende Gemeinschaften.

Inwieweit ist für Sie heute dieser Heilige Geist noch spürbar?

Der Heilige Geist ist jeden Tag am Wirken. Jede liebevolle Beziehung ist im christlichen Sinn ein Werk des Heiligen Geistes – und so hat es sich der Schöpfer auch gedacht. Deswegen entsendet er den Heiligen Geist, damit das zunimmt. Die Frage ist, ob wir das immer wahrnehmen und ob wir das auch als solches bezeichnen. Christliche Gemeinschaft denkt darüber nach, wie wir am besten miteinander leben können und wie wir das fördern können. Gottesdienste geben hier Christen Orientierung. Früher haben die Menschen fünfmal am Tag gebetet, um sich einzunorden und dann bewusst nach christlichem Maßstab durch den Tag zu gehen. Das haben wir heute nicht und das ist ein Verlust in der Gesellschaft. Wir verlieren diese Grundorientierung immer mehr, weil wir uns nicht an sie erinnern. Das ist ein echtes Problem. Es ist heute keine Gruppe da, die so stabil ist, dass sie das noch stärker prägen kann. Die Kirche versucht das, aber die Kräfte schwinden. Doch Menschen suchen nach Orientierung. Das ist auch der Grund, warum verrückte Parteien Erfolg haben. Sie versprechen Menschen etwas mit billigen Sprüchen. Schuld sind nicht sie selbst, sondern immer andere. Doch Christen können mit eigenem Leid umgehen, weil Gott von Anfang an sagt, dass er sie liebt, sie mit ihrem Leid nicht allein sind und es für sie die Tür der Hoffnung auf Besserung gibt.

Was können wir modernen Menschen persönlich aus Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten für unseren Alltag mitnehmen?

Eine schöne Frage. Ostern zeigt, dass wir Gott und Jesus nah sein können, obwohl Jesus an Karfreitag gekreuzigt wurde – und das ist unser Glück. Diese Erfahrung ist heilsam. Himmelfahrt zeigt uns, dass die Erfahrung der Nähe Gottes kein dauerhafter Zustand, sondern nur ein punktueller Zustand ist. Es gibt im Alltag immer Himmelfahrt, Momente, wo Gott nicht da ist. Aber es gibt die berechtigte Hoffnung, dass Gott mir in anderer Weise nah ist, sprich in der Form des Heiligen Geistes. Das symbolisiert das Pfingstfest. Da kann man darauf bauen. Der Heilige Geist ist sehr alltäglich. Das ist das Schöne.