Erntedank

„Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.“
Ich gestehe, wenn ich diese Worte höre, da kommen mir immer Bilder aus dem Zoo in den Sinn: wie sich da Pinguine oder Erdmännchen vor der Tür aufbauen, den Blick fest auf die Tür gerichtet, durch die, wie sie wissen gleich die Tierpflegerin mit der Futterschüssel kommen wird.

Ein Zeichen des Vertrauens: die Tiere wissen, dass sie bekommen werden, was sie brauchen.

Fische für die Pinguine, Mehlwürmer für die Erdmännchen.

Und wir?  Was brauchen wir? – Das tägliche Brot, um das wir im Vaterunser bitten natürlich, aber tatsächlich ist es mit dem Brot allein ja nicht getan. Das wusste auch schon Martin Luther und schrieb in seiner Auslegung der Brotbitte darum, Brot bedeute „alles, was Not tut für Leib und Leben, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherren, gute Regierung, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.“

Auch wenn wir diese Liste heute wohl etwas anders formulieren würden, das Wichtige ist und bleibt, alles Gute von Gott zu erwarten: „er gibt den Kühen Weide und unsern Kindern Brot“, schrieb Matthias Claudius in seinem bekanntem Erntedanklied „Wir pflügen und wir streuen“.

„Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.“

Darum geht es auch beim Erntedankfest: Jeder bekommt, was er braucht, wenn er es braucht.

Das ist Gottes Gerechtigkeit, und darum auch die Art von Gerechtigkeit, die Gott von uns will.

Alle bekommen genug. Allen geht es gut.

Und natürlich gilt auch für die Fütterung der Zootiere die Matthias-Claudius-Zeile: „Es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott.“

 

Pfarrerin Dr. Astrid Schlüter, Altdöbern

 

Foto: Kirchenkreis Niederlausitz